Die Sage: Der Bürgelsche Esel

Anno 1597 hatte die Regierung angeordnet, dass jeder, der ein Kuhbeen (Gewehr) tragen konnte, Wild schießen durfte, da Überfluss an Wild war, welches Schaden anrichtete. Ein Leitermann, Dahniel hieß er, hatte im Ratskeller in Bürgel erzählt, dass bei Serba ein Zehnender in einem Rapsfeld gesehen worden sei. Da Mondschein war, machten sich fünfzehn Mann, mit Flinten bewaffnet, auf, um den Hirsch zu schießen.

Als sie in die Nähe von Serba kamen, sahen sie ein Tier im Rapsfeld grasen. Einer der Schützen sagte: „Seid ruhig, sonst geht er uns durch die Lappen, und wir sind blamiert, wenn wir nach Bürgel kommen und keinen Hirsch mitbringen.“ Da reckte sich das Tier, einmal Umschau zu halten. Der Töpfer Herre sprach: „Jetzt sperrt der Hirsch das Maul auf, und ihr werden ihn gleich brüllen hören, das soll doch so berühmt sein, so dass viele danach rennen.“ „Passt auf“, sagte ein anderer, „tut die Flinten von der Schulter, und wenn ich bis drei zähle, dann muss er stürzen.“ Gesagt, getan: eins, zwei, drei – krach; der Hirsch fiel um. Alle rannten hin und siehe da, es war kein Hirsch, sondern ein Esel, Da sagte wieder der Töpfer Herre: „Das ist nicht schlimm, wir ziehen ihm das Fell ab und stechen ihm zwei Löcher in den Kopf, als wenn das Geweih da gewesen wäre.“ Gesagt und gemacht. Den abgezogenen Esel legten sie kauf eine Tragbahre aus Weiden, legten grüne Reiser darauf, und nun ging’s nach Bürgel. Mit Radau sprangen sie ins Rathaus. „Mer kommen, mer kommen!“ rief einer in die Gaststube.

Sie schleppten den Esel in die Küche zur Wirtin. Ein paar Männer rieben Kartoffeln für die rohen Klöße, andere schmierten die Pfanne.
Ein Fleischergeselle zerlegte das Tier, und um Mitternacht dampften die Klöße und der Hirsch-braten auf dem Tische. Der Gemeinderat hatte sich eingefunden, die Stadtpfeifer spielten, und es war ein herrlicher Abend. Der Gemeinderat gab ein Fässchen Freibier, und allen hat’s sehr gut geschmeckt. Erst in den frühen Morgenstunden trennte man sich.

Auf dem Heinwege sagte in der Kreuzgasse der Töpfer Herre zu seinem Nachbar: „Friede, weeßt du, was du heute abend gegessen hast?“ „Na, Hirschbraten hab’ ich gegessen.“ „N’Dräck, Esel haste gefressen!“ Als der gute Friede das hörte, wurde es ihm schlecht, und er übergab sich. Da meinte der Töpfer Herre: „Gelle, Friede, runnerwärts ging’s besser wie ruffwärts.“ Dadurch war die Sache bekannt geworden; heute noch heißt Bürgel „Eselsberg“, und man spricht spottenderweise vom Bürgelschen Esel.


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